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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 379 mal aufgerufen
 Gefahren im Leben
Summilie Offline

Admin


Beiträge: 3.418

26.06.2005 01:53
Der Elfte antworten

Der Elfte

Dass in diesem gottverlassenen Kaff so etwas passieren musste, war ausgesprochen ärgerlich. Ein Bahnhofsrestaurant gab es nicht. Der Zug würde voraussichtlich in frühestens zwei Stunden seine Fahrt fortsetzen können. Ein Taxi zu nehmen, schied aus Kostengründen aus. Der Gleisbautrupp hatte seine Arbeit bereits aufgenommen. Immerhin ein Anfang.

Der Reisende verspürte ein starkes Hungergefühl und machte sich auf den Weg, eine Gaststätte aufzusuchen. Was die anderen Fahrgäste machten, interessierte ihn nicht. Es waren nicht viele. Seine Heimfahrt aus seinem Urlaubsort hatte er sich etwas anders vorgestellt. Schon seit Jahren fuhr er allein in „seinen“ Kurort. Er fuhr nie mit dem Wagen. Heute ärgerte er sich darüber, die Bahn benutzt zu haben.

Also machte er sich auf den Weg in die ihm nur vom Durchfahren bekannte Kleinstadt, nachdem er sich nochmals vergewissert hatte, wirklich wenigstens zwei Stunden Zeit zu haben.

Es wurde bereits dunkel, und die Straßenbeleuchtung erhellte die fast menschenleeren Straßen nur unzureichend. Nach einem kurzen Fußmarsch auf einer (oder der?) Hauptstraße des Städtchens entdeckte er eine Kneipe, die sich am Anfang einer Seitenstraße befand. Sie machte einen freundlichen Eindruck, und auch das kneipenübliche Stimmengewirr war gedämpft zu vernehmen. Diese Gaststätte schien gut besucht zu sein. Er trat ein und entdeckte einen einzigen leeren Tisch, an dem er sogleich platz nahm. Alle anderen Tische waren besetzt. Fremde verirrten sich wohl selten dorthin. Nachdem er sich ein Bier und ein Abendessen bestellt hatte, sah er sich ausgiebig im Restaurant um, ohne sich von einigen neugierigen Blicken - er war ja selbst ein wenig neugierig - irritieren zu lassen. Die Tische waren mit drei oder vier sich lautstark unterhaltenden Personen besetzt. Nichts besonderes konnte er entdecken. Was sollte man in einer Eckkneipe in einer Kleinstadt auch „Besonderes“ erwarten. Man kannte sich und war mit dem Wirt per du. Und dennoch hatte der Reisende das Gefühl, nicht der einzige „Außenseiter“ zu sein. Am Nachbartisch saß ebenfalls eine einzelne Person, mit dem Rücken zu ihm gekehrt. Es musste ein älterer Herr sein, der sich schon geraume Zeit an einem Bier „festhielt“, welches doch endlich geleert sein musste. Der Wirt brachte unaufgefordert ein neues. Auch ohne dass zwischen beiden ein Wort gewechselt wurde, konnte sich der Urlauber des Eindruckes nicht erwehren, dass der Alte wahrscheinlich doch kein Fremder war. Er gehörte dorthin, auf andere Weise, als die Anderen. Was nur machte „das Andere“ aus?

Was eigentlich gehen ihn die Leute an! Übermorgen beginnt wieder der Alltag, der routinebehaftete Alltag eines Ingenieurs in einem kleinen Betrieb. Als er sein Essen bekam, vergaß er seine Umgebung und auch den Herrn am Nachbartisch.

„Zahlen bitte“, dies war der zweite Satz, den er sprach. Das Essen war reichlich, schmackhaft und recht preiswert. Zufrieden bezahlte er seine Zeche. Jetzt erst registrierte er, dass sein Nachbartisch leer war. Der Wirt bemerkte den erstaunten Blick des Gastes und erklärte, als sei es völlig normal, Fremden erklären zu müssen, was es mit dem älteren Herrn auf sich habe. „Ja, der Professor geht immer um diese Zeit. Er kommt fast jeden Abend. Vielleicht kennen Sie ihn. Es ist schon lange her... Er war sehr berühmt.“ Hiermit ließ er es bewenden und widmete sich seinen Stammgästen.

„Vier Bier, vier Doppelte...“

Der Reisende hatte ohnehin keine Lust, sich zu unterhalten. Seine Ruhe wollte er haben. Und seinen Gedanken nachhängen wollte er. Eine Stunde Zeit blieb ihm noch. Und seine Ruhe hatte er in dieser Gaststätte - zumindest solange er allein am Tisch saß. Er wollte kein Risiko eingehen. Deshalb beschloss er, sich zurück zum Bahnhof zu begeben. Als er von der Toilette zurückkam, verließ er das Lokal.

Er betrat die, jetzt nur von der spärlichen Beleuchtung notdürftig erhellte, Straße. Es wurde bereits zeitig dunkel. An nichts bestimmtes denkend erschrak er, als er plötzlich eine Gestalt erblickte. Es war der Alte vom Nachbartisch, der auf jemanden zu warten schien. Jetzt schaute der Reisende in ein Gesicht, das auf dem zweiten Blick so alt zu sein nicht schien. Kaum über sechzig Jahre musste der Professor wohl zählen, welcher ihn gelassen anblickte, leicht spöttisch vielleicht, aber keineswegs unfreundlich.

„Ich habe auf Sie gewartet“. Der Reisende blieb stehen und sah sein Gegenüber erstaunt an, überhaupt keiner sinnvollen Reaktion fähig.

„Vielleicht kennen Sie mich. Erinnern Sie sich an die Expedition vor zwanzig Jahren?“

Jetzt fiel der Groschen. Ja, vor zwanzig Jahren... Er begann gerade sein Studium... Es war das spektakulärste Ereignis, das es je gegeben hatte. Es gab nur einen Überlebenden. Und dieser stand jetzt vor ihm.

Wie kam er eigentlich dazu, sich von einem Fremden ansprechen zu lassen, ohne Grund. Wieso hatte dieser auf ihn gewartet? Der Reisende wollte schon weitergehen.

„Natürlich ist das ungewöhnlich, was ich mache. Hören Sie mir nur einige Minuten zu. Dann können Sie gehen - wenn Sie dann noch wollen. Ihren Zug verpassen Sie nicht.“

Langsam begann dem Fremden die Begegnung unheimlich zu werden. Er stand wie festgenagelt, immer noch nicht in der Verfassung, etwas Sinnvolles von sich zu geben. Wie ein auf frischer Tat ertappter Kaufhausdieb, der nur eine Kleinigkeit gestohlen hatte, fühlte er sich.

Doch langsam fasste er sich, und seine Neugier wurde geweckt. Also machten sich beide auf den Weg in Richtung Bahnhof.

„Sehen Sie, es wurde - noch vor wenigen Jahren - von einer erneuten Expedition gesprochen. Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist man anscheinend jetzt von deren Sinnlosigkeit überzeugt; von den Kosten einmal abgesehen. Ich jedoch glaube an die Notwendigkeit der Wiederholung.“

Der Professor hielt inne.

„Ja, und warum erzählen Sie mir das alles? Was hat das mit mir zu tun?“ Der Reisende bereute schon, sich auf dieses Gespräch eingelassen zu haben.

„Das Ganze ist ein personelles Problem. Ich war der einzige Überlebende der Expedition - so hieß es offiziell. In Wirklichkeit überlebten noch drei weitere Kollegen. Allerdings ist mit ihnen nicht mehr all zu viel anzufangen. Soviel ich weiß, befinden die sich noch immer in psychiatrischer Obhut. - Und nun zu Ihnen. Was Sie nicht wissen können: es scheiterte ein erneuter Versuch außer an den bekannten Gründen vor allem an der Unmöglichkeit, geeignete Expeditionsteilnehmer zu finden. Jeder Bewerber wird speziellen Tests unterworfen. Niemand bisher bestand auch nur ansatzweise einen solchen Test. Der langen Rede kurzer Sinn: haben Sie Interesse?“

Der Reisende sah den Alten erst verblüfft und misstrauisch an. Aber irgendwie fasste er schließlich Vertrauen. Wieso, das hätte er nicht sagen können. Oder die Neugier bekam die Oberhand.

„Sie haben mich neugierig gemacht. Woher aber weiß ich, dass alles keine Spinnerei ist? Und was meinen Sie mit den ,Tests‘?“

„Kommen Sie mit.“ Der Unbekannte sah den zweifelnden und misstrauischen Blick des Reisenden und beeilte sich hinzuzufügen: „Es dauert nicht lange. Den Zug verpassen Sie wirklich nicht. Und wenn Sie Interesse an meinem Angebot haben sollten, so wird Sie der Zug nicht mehr interessieren. Und Ihr jetziger Job auch nicht mehr.“

Der Reisende überlegte kurz und entschied, über das Angebot des Alten sich auf alle Fälle genauer zu informieren. Er verlangte aber, noch einmal am Bahnhof vorbeizuschauen und sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Dort erfuhr er, dass sich aus für ihn nicht nachvollziehbaren Gründen die Fertigstellung des Gleises um mindestens eine weitere Stunde verschieben würde. Beunruhigt und von fast unerträglicher Neugier getrieben begleitete der Reisende den Professor auf den Weg in sein Haus. Auf diesem Weg fiel kein Wort. Nach wenigen Minuten erreichten beide das Haus, welches sich, unweit des Bahnhofes, in einer ruhigen Seitenstraße des Ortes befand. Der Garten war nicht sonderlich gepflegt, aber auch noch nicht völlig verwildert. Dem Haus selbst hätte eine erneuerte Fassade sicherlich nicht geschadet. Der graue Putz begann stellenweise sich zu lösen

Doch bereits die Diele strafte den ersten Eindruck Lügen. Der Reisende hatte ein Chaos erwartet, wie man es gewöhnlich in der Wohnung eines verschrobenen Einzelgängers (wieso eigentlich vermutete er, dass jener ein Einzelgänger sei?) hätte erwarten müssen. Die gediegene, nicht unbedingt luxuriöse, Einrichtung erweckten die Vorstellung von einem „gutbürgerlichen“ Haushalt, in dem nur noch die freundliche Hausfrau fehlte, die jeden Gast als erstes nach seinen Wünschen fragte.

Eine Hausfrau schien es nicht zu geben. Der Reisende erkundigte sich auch nicht danach, ob der Professor allein lebe oder auch nicht. Er sah sich lediglich - nicht übermäßig neugierig - um und entdeckte gleich links neben der Eingangstür eine in den Keller führende Treppe. An sich ist daran nun absolut nichts verwunderliches; aber dass der Gang durch unsichtbare Lampen taghell erleuchtet war, erschien ihm doch etwas merkwürdig.

„Wir gehen ins Wohnzimmer. Nehmen Sie doch bitte erst einmal platz. Eine Tasse Kaffee kann nicht schaden. Oder haben Sie bereits im Restaurant einen Kaffee getrunken?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand der Professor in Richtung Küche und kam kurz darauf mit einer Kanne Kaffee und zwei Tassen zurück.

Der Reisende sprach noch immer kein Wort. Und klar zu denken, war er auch noch nicht imstande. Nur kurz schaute er auf die Uhr und konstatierte, dass er mindestens noch eineinhalb Stunden Zeit hatte. Jetzt erst antwortete er: „Nein danke, auf Kaffee habe ich wirklich keinen Appetit.“ So etwas wie Misstrauen schien sich seiner zu bemächtigen. Er nahm sich vor - warum hätte er nicht sagen können - in diesem Haus keine Nahrung und auch keine Getränke zu sich zu nehmen. Der Professor jedoch schenkte sich eine Tasse ein und trank das schwarze Zeug, so wie es war, ohne Zucker und Sahne. Er ließ sich Zeit. So schien es dem Reisenden, der langsam ungeduldig wurde und sich vornahm - er sah nochmals auf die Uhr - in spätestens fünf Minuten zu verschwinden, wenn sein Gegenüber nicht endlich zur Sache käme.

„Sie haben recht“, unterbrach der Professor der Gedankengang des Reisenden, gleichzeitig dessen Überlegungen fortsetzend. „Ich möchte Ihre Geduld nicht überstrapazieren.“ Der Reisende sah ihn skeptisch an.

„Das Projekt wurde vor dreißig Jahren ausgeheckt. Das erste Raumschiff mit Annihilationsantrieb sollte gebaut werden. Theoretisch schien dies kein schwerwiegendes Problem zu sein. Die Herstellung und Aufbewahrung von Antiprotonen konnte man bereits als gelöst betrachten, wenngleich der Wirkungsgrad der damaligen Anlagen nicht gerade beeindruckend war. Die auf dem Mond installierte Anlage gewann aus einem gewöhnlichen Fusionsreaktor die Energie, welche man für die Erzeugung größerer Mengen Antiprotonen benötigte...“

Der Reisende begann langsam wirklich die Geduld zu verlieren. Was sollen die alten Geschichten. Das war doch alles bekannt.

Der Professor lenkte ein und setzte seine Erzählung, nach einem kurzen abschätzenden Blick auf seinen Zuhörer fort: „Ja, ja, das ist wirklich nicht neu. Auch die Realisierung des Antriebssystems des Raumschiffes war mehr ein technisches denn wissenschaftliches Problem. Und - es sind heute auf den Tag genau dreißig Jahre her - wurden die Startvorbereitungen abgeschlossen. Ich war damals knapp über vierzig, ein alter Knacker für ein solches Vorhaben. Doch gehörte ich zu den wenigen, welche die Tests - die waren damals noch nicht so ausgeklügelt - völlig ohne Beanstandung absolvieren konnten. Ich komme darauf noch zurück.“

„Und woran ist das Ganze damals denn wirklich gescheitert?“, dies war die erste konkrete Frage des Reisenden, dem es endlich gelungen war, den Faden aufzunehmen. Damit auch wurde er wieder Herr der Situation und fühlte sich nicht mehr als überrumpeltes Opfer, sondern als ebenbürtiger Gesprächspartner.

„Es waren technische Probleme - so hieß es offiziell“.

„So wie Sie es sagen, lagen die Ursachen ganz wo anders.“

„Genau. Und wenn Sie nichts dagegen haben, zeige ich Ihnen die Aufzeichnungen kurz nach dem Start. Kommen Sie bitte mit in mein Labor.“ Beide erhoben sich und begaben sich, der Professor vorangehend, in Richtung Kellertreppe.

Der Reisende zögerte.

„Sie gehen kein Risiko ein. Noch nicht. Auf das Risiko, welches mit den weiteren Schritten leider verbunden ist, mache ich Sie rechtzeitig aufmerksam. Noch können sie jederzeit umkehren.“ War die Antwort des Alten auf dieses Zögern.

Irgendwie hatte der Reisende das Gefühl, die letzte Chance zu verpassen, um ungeschoren aus der ganzen Sache herauszukommen, wobei ihm völlig unklar war, mit welchem Risiko das Ansehen von Aufzeichnungen eigentlich verbunden sein konnte.

„Folgen Sie mir bitte. Die Treppe ist etwas steil, aber hell erleuchtet, wie Sie sicher bereits bemerkt haben. Und was die Aufzeichnung betrifft, so handelt es sich um eine ganz besondere Art der Informationsspeicherung, die Ihnen noch unbekannt sein dürfte. Und das ist äußerst erstaunlich, da selbst die geheimsten Projekte nie so geheim gehalten werden konnten, dass nicht doch irgend etwas durchsickern konnte. Sie werden nicht irgendwie passiv ein Video oder so etwas ähnliches - konsumieren, sondern aktiv all das erleben, was - ich erlebte. Sie werden in meine Persönlichkeit schlüpfen und sich an alle Dinge ,erinnern‘, die - mir widerfahren sind.“

Der Professor sah den Reisenden abwartend an. Wie würde dieser sich entscheiden. „Das Risiko besteht darin, dass nicht voraussehbar ist, wie Sie auf eine ,Persönlichkeitsintegration‘ reagieren und wie Sie mit ,meinen Erlebnissen‘ fertig werden. Irreversible psychische Schäden sind nicht auszuschließen! Und bedenken Sie: Ich selbst bin der Einzige, der jene Reise halbwegs unbeschadet überstand. Wenn Sie jetzt umkehren, werden Sie alle Risiken umgehen, aber nie erfahren, was es wirklich mit der Angelegenheit auf sich hat. Wenn Sie sich jedoch für das Experiment entscheiden und es geht schief - ich muss gestehen, bisher sind alle Versuche etwas unglücklich verlaufen -, werden Sie von Ihrem Wissen nichts haben.“

Der Zwiespalt wurde unerträglich. Der Reisende zwang sich, klar zu denken. Das, was ihm hier angeboten wurde, war recht ungewöhnlich - zurückhaltend ausgedrückt. Und noch unmenschlicher war die Entscheidung, die von ihm jetzt abverlangt wurde. Er sah sich bereits gefangen; und ihm wurde klar, dass es kein Zurück mehr gab. Er hatte kaum noch die Kontrolle über sich. So muss es einem Suchtkranken wohl ergehen, der zwar weiß, was er nicht darf, aber auch weiß, dass dieses Wissen völlig nutzlos ist.

Der Professor sah ihn - wie es ihm jetzt schien, resigniert - an, dann ging er weiter. „Sie können immer noch umkehren!“ Dies klang fast schon wie eine Aufforderung, eine Aufforderung, die der Reisende nicht mehr in sein Bewusstsein aufnehmen konnte. „Sie sind der Zehnte“, hörte er den Professor, mit einem Anflug von Traurigkeit, sagen. Jetzt war es der Professor, der zögerte. Beide waren bereits im Keller angelangt, der sich als hell und geräumig erwies.

„Nun, wie haben Sie sich entschieden?“ Diese Worte hatten für den Reisenden keinen Sinn mehr. Es gab nichts mehr zu entscheiden. Die Würfel waren gefallen. Und was sollte denn wirklich Schlimmes passieren?!

Vor einer im Umfeld eines normalen Einfamilienhauses recht unwirklich anmutenden Stahltür hielt der Professor inne. „Sobald wir die nachfolgenden Räume betreten haben, können Sie leider nicht mehr umkehren! Und wenn Sie jetzt umkehren - ich hätte volles Verständnis dafür -, dann macht es für Sie keinen Sinn mit irgend jemanden über die Begegnung mit mir und unser Gespräch zu reden. Das sehen Sie sicherlich ein. Die Unterhaltung mit einem vormals prominenten Wissenschaftler, der etwas seltsam geworden sein mag, hat absolut nichts Geheimnisvolles an sich. Spinnereien sind dies, mehr nicht. Und wer die ernst nimmt, der ist selbst daran Schuld.“

Den Schlüssel in der rechten Hand sah er den Fremden fragend an. Dieser atmete tief durch, schloss kurz die Augen, blickte dann den Professor auffordernd an und nickte kaum merklich. Der Alte zögerte noch, öffnete dann langsam und umständlich die Tür.

Der Reisende war auf alles gefasst, nur nicht darauf, anscheinend in ein Krankenhaus geraten zu sein. Irgendwie hatte der Gang und das Inventar etwas vom anheimelnden Ambiente einer Klinik.

„Wir betreuen und versorgen hier einige Opfer der besagten Expedition. Und auch jene Männer, welche den Test nicht bestanden haben, überlassen wir selbstverständlich nicht hilflos ihrem Schicksal. ,Wir‘ das ist ein privates Unternehmen, welches zwar von staatlicher Stelle nicht unmittelbar finanziert wird, das aber von höchster Stelle - inoffiziell und reichlich indirekt, versteht sich - eine Förderung erfährt. Alle Zusammenhänge kenne selbst ich nicht. Ich bin der wissenschaftliche Leiter. Die Öffentlichkeit darf von allem nichts erfahren. Dies wäre politisch nicht zu vertreten.“

Der Reisende lief wie benommen neben dem Professor her. Dieser ging auf die erste Tür zu und öffnete sie. Für ein Klinikzimmer machte der Raum, obschon nicht sonderlich groß, einen recht gemütlichen Eindruck. Die beiden Patienten saßen an einem kleinen Tisch und waren mit dem Abendessen beschäftigt. Einen sehr pflegebedürftigen Eindruck schienen sie nicht zu machen. Erst bei genauerem Hinsehen fiel auf, dass ihre Bewegungen irgendwie gekünstelt und unecht oder automatenhaft wirkten.

„Dies sind die ersten beiden, die den Test vor etwa zwei Jahren nicht bestanden haben. Die leben in einer anderen Welt. Ihre jetzige Umgebung nehmen sie nicht mehr bewusst wahr.“ Dies war der Kommentar des Professors. „Die ehemaligen Expeditionsteilnehmer sind etwas gebrechlicher und pflegebedürftiger und befinden sich in einer anderen Abteilung.“

„Gibt es hier kein Pflegepersonal?“

„Natürlich, aber es hält sich momentan im Hintergrund. Sehr zuverlässige und sehr verschwiegene Leute. Es hätte jetzt auch keinen Zweck, wenn Sie versuchen wollten, zu fliehen.“

Nacheinander warfen sie einen Blick in fünf Zimmer. Überall fast das gleiche Bild. Im letzten Raum allerdings hielt sich nur eine Person auf. Dem Reisenden wurde etwas übel.

„Und nun zu Ihnen. Ich habe Sie gewarnt.“ Der Professor schloss die fünfte Tür. „Sind Sie bereit?“ Diese Frage hatte keinen wirklichen Sinn. „Bereit“ war er schon. Er hatte keine Wahl mehr. Das Bild des einsamen Mannes am Tisch des fünften Zimmers prägte sich ihm ein.

„Was die nächsten Aktivitäten betrifft, so werde ich Ihnen nichts weiter erläutern. Sie werden alles selbst erleben. Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir unterhalten uns in etwa einer Stunde über die nächsten Schritte, oder...“. Der Professor drehte sich zu der gerade geschlossenen Tür um. „Bitte den Gang rechts. Dort kommen wir zum Labor. Und noch etwas: sollte auch dieser zehnte Versuch sich als Flop erweisen, dann geben wir auf. Der Opfer sind zu viele. Offiziell werden Sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen sein. Sie haben doch Ihre Papiere bei sich.“

Im Labor angekommen setzt sich der Fremde auf den Stuhl vor ein Gerät, welches sich äußerlich kaum von einem gewöhnlichen PC unterscheidet. Dann wird das Licht gelöscht. Die Erinnerung an die neun Männer mit den ausdruckslosen Gesichtern sind das einzige, was von seiner Persönlichkeit noch übrigbleibt. Daraufhin wird er in das geheimste und brisanteste Unternehmen aller Zeiten eingeweiht. Mit Raumfahrt hat dies nichts zu tun. Das ursprüngliche Raumfahrtprojekt, obschon der Ausgangspunkt, geriet gänzlich in den Hintergrund. Es ging um völlig andere Dinge...

***

Nach dem Tod des Professors wurden die zehn Versuchsopfer in verschiedene psychiatrische Kliniken verlegt. Das Labor im Keller gibt es schon lange nicht mehr. Das Projekt brach man ab, da es niemand mehr hätte fortführen können. Weitere Versuche wären nur noch als verantwortungslos zu bezeichnen gewesen. Alle Akten hatte der Professor zu Lebzeiten schon selbst vernichtet. Nach dessen Tod übernahm eine Gruppe von Spezialisten irgendeiner ganz wichtigen und ganz geheimen staatlichen Behörde die Beseitigung aller sonstigen Spuren. So kam es, dass eines der geheimsten Forschungsvorhaben abgebrochen wurde, nachdem auch die letzten wenigen wirklich informierten Personen fast alle das zeitliche gesegnet hatten. Veröffentlichungen in der Fachpresse hatte es nie gegeben. Bemerkenswert war die absolute Geheimhaltung. Irgendwie ging es um Versuche, die sich mit dem menschlichen Bewusstsein befassten und damit, wie die Informationsverarbeitung im Zentralnervensystem erfolgt. Nicht einmal die Manipulation von Menschen stand dabei im Vordergrund, sondern die Erkenntnis war das Ziel. Und diesem Ziel war man bereits recht nahe gekommen. Doch irgendwie stieß man auf nicht überschreitbare Grenzen und brach alle Versuche ab.

Und irgendwie war es wohl besser so.

Die Gefahr, dass andere Wissenschaftler sich dem Geheimnis werden nähern können, wurde als gering eingeschätzt. „Die Untersuchung biologischer informationsverarbeitender Systeme“ fand nie wieder den richtigen Anschluss. Die offizielle Wissenschaft das wussten die damaligen Eingeweihten mit absoluter Sicherheit - war auf dem völlig falschen Weg. Zum Glück aber auch, wie man meinte.

In dem kleinen Städtchen hat sich seitdem nur wenig verändert. Auch die Eckkneipe in der Bahnhofstraße gibt es noch. Der alte Wirt hat die Geschäfte an seinen Sohn übergeben. Die Stammgäste sind fast alle noch die alten. Nur wenige von den älteren fehlen. Zu diesen fehlenden Gästen gehört der Professor. In dessen Haus ist seit kurzem ein pensionierter Beamter eingezogen. Ein hohes Tier beim Geheimdienst soll der gewesen sein. So wird gemunkelt. Nichts genaues weiß man nicht. Das Haus ist kaum wiederzuerkennen. Es wurde gründlich renoviert.

Fremde verirren sich so gut wie nie hierher. In der Kneipe hat man seit einem Jahr keinen Fremden mehr gesehen. Der Ex-Geheimdienstler ist ein unauffälliger und noch nicht besonders alter Mann. Warum allerdings eine ehemaliger höherer Beamter sich in dieses Nest zurückgezogen hat, ist nicht besonders leicht zu verstehen. Und er verreist nie. Bisher jedenfalls nicht. Allein scheint er außerdem zu sein. Gäste hat er noch nie empfangen. Kein Vergleich mit dem ziemlich regen Treiben, als der Professor noch lebte. Kaum ein Tag verging, an dem nicht irgendein Besuch auftauchte. Manchmal mehrere Personen. Sogar nachts, so wussten die Nachbarn zu berichten, gingen viele Leute aus und ein. Man gab sich Mühe, nicht aufzufallen. Diese Mühe fiel auf.

Auch an diesem Abend überfliegt der Pensionär in der Gaststätte seine Zeitung. Wie immer. Die üblichen Meldungen. Wie jeden Tag. Nur eine nicht besonders auffällige Notiz scheint er aufmerksamer zu lesen. Über einen sensationellen wissenschaftlichen Erfolg wird berichtet. Einer Gruppe von Wissenschaftlern in Amerika - wo sonst! - angeblich sei es gelungen, dem Geheimnis des menschlichen Denkens auf die Schliche gekommen zu sein. Die „Seele zu entschlüsseln“ wird bald im Bereich des Möglichen liegen. Der Mann blickt in Richtung Tresen und rafft sich zu einem spöttischen Grinsen auf. Die einzige sichtbare Gefühlsregung seit Tagen. Sein Blick trifft den des Kellners. Der hat verstanden und bringt noch ein Bier.

Doch dann öffnet sich die Tür, und ein Fremder betritt das Lokal. Der blickt sich suchend um und steuert auf einen freien Tisch zu. Nur kurzes Interesse weckt er bei den Anwesenden. Die sind bald wieder mit sich selbst beschäftigt und diskutieren laut oder trinken in Ruhe ihr Bier. Der Pensionär scheint kurz nachzudenken. Dann steht er auf und begibt sich an den Nachbartisch, an dem der Fremde sitzt. Nach kurzem Wortwechsel setzt er sich zu dem Reisenden, den es durch einen Zwangsaufenthalt in diese Kneipe verschlagen hat. Mit der Bahn hat es irgendwie zu tun. Seltsamerweise sind der ehemalige Geheimdienstler und der Fremde nach kurzer Zeit in ein Gespräch vertieft. Die zunächst abweisende Haltung des Reisenden beginnt anscheinend großem Interesse zu weichen. Kein Mensch nimmt von beiden Notiz. Auch dass kurze Zeit später - der Fremde hat gerade seine Mahlzeit eingenommen und auch bezahlt - beide gemeinsam die Gaststätte verlassen, scheint niemand zu beachten.

Draußen ist es bereits dunkel geworden. Nach kurzer Zeit erreichen beide das Haus des ehemaligen Beamten. Ob und wann der Fremde das Haus wieder verlassen hat, wurde von keinem beobachtet. Es hatte ja auch kein Mensch gesehen, dass zwei Männer das Grundstück betraten.

Und am nächsten Nachmittag macht der Pensionär ganz allein seinen üblichen Spaziergang, der - wie immer - bei einem Glas Bier in der Kneipe enden wird. Und die Zeitung wird er auch wieder lesen. Und vielleicht werden es auch ein oder zwei Gläschen mehr sein.


rose Offline

Mitglied


Beiträge: 563

27.09.2014 16:05
#2 RE: Der Elfte antworten



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