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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 372 mal aufgerufen
 Gefahren im Leben
Summilie Offline

Admin


Beiträge: 3.418

26.06.2005 02:09
Am Grab antworten

Am Grab

Meine Tage sind gezählt. Das weiß ich. Die Krankheit lässt sich nicht aufhalten. Der Verfall schreitet fort. Die Füße sind bereits abgestorben. Schon kann ich die Hände nur mit Mühe noch bewegen. Und die Ärzte sind ratlos. Und ich warte. Lange muss ich nicht mehr warten. Wie lange genau, das weiß ich nicht. Das Atmen wird langsam zur Qual. Ich werde bald künstlich beatmet werden müssen. Ich weiß wie das funktioniert. Auf einer Intensivstation habe ich das bereits einmal beobachten können. Der Patient dort war ohne Bewusstsein. Ich indes nehme alles wahr.

Ich bin noch ich.
Noch!
Mit Träumen, Gefühlen und Vorstellungen. Ich bin ein lebendiger Mensch mit Schmerzen und Ängsten.

Mit Hoffnung längst nicht mehr.

Wie lange noch, das kann ich nicht sagen. Fast bin ich bereits blind. Auch die Geräusche und die Stimmen werden immer leiser. Sprechen kann ich seit Tagen überhaupt nicht mehr. Bald werde ich es hinter mich gebracht haben. Warum hilft man mir nicht?! Und ich bräuchte doch dringend Hilfe! Warum begreift denn keiner, dass ich Hilfe brauche?!

Und es gibt nur eine einzige Möglichkeit, mir wirklich zu helfen...

***

Die Helligkeit blendet mich sehr. Auch wenn ich die Augen schließe. Ich kann dem Licht nicht entrinnen. Ganz langsam nur gewöhne ich mich daran. Alles um mich herum ist still. Es ist wirklich still. Ich weiß, dass es still ist. Weil ich wieder hören kann. Nur ein leises Rauschen höre ich. Und ein leises Zirpen. Unwirklich langsam um mich herum bewegen sich die Menschen. Ich kann keine Gesichter erkennen. Ich weiß auch nicht, ob ich mich selbst wieder bewegen kann. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich bin mir sicher, dass ich fast wieder richtig denken kann. Ich hatte es schon verlernt. Glaube ich.

Es ist so warm. Oder ist es in Wahrheit kalt? Schon eigenartig, wenn man sich so hilflos liegen sieht. Es hat keinen Zweck mehr, sich zu wehren. Und eigentlich wehre ich mich schon lange nicht mehr. Ich werde nicht völlig verschwinden. Irgend etwas wird übrigbleiben. Nicht viel, ein bisschen bloß. Ich werde nicht gänzlich untergehen im Nichts. Irgend etwas bleibt haften. Nur weiß ich überhaupt nicht wann und wo und wie. Es bleibt ein kleines Stück von mir am Leben. Auch dann, wenn ich gestorben bin.

Ich glaube, jetzt es ist so weit. Die Gestalten machen sich an meinem Bett zu schaffen.
Das also war's!
Völlig undramatisch. Das berührt mich überhaupt nicht. Ich bin nur noch reine Information. Ohne körperliches Substrat. Das kann aber nicht sein. Ganz in Ordnung ist das nicht. Ich bin mir sicher, ich irre mich...

***

Ich weiß nicht, was die alle von mir wollen. Wie bin ich nur hierher geraten? Ich finde mich absolut nicht zurecht. Die Leute sind halbwegs freundlich. An ganz wenige Dinge nur kann ich mich erinnern. Ich weiß nicht einmal, wer ich bin. Irgend etwas von Amnesie höre ich. Ist doch Blödsinn. Ich kann denken. Und ich weiß, dass ich eigentlich tot bin. Nun gut, mein Name fällt mir momentan nicht ein. Aber vor kurzem erst bin ich gestorben. Dass weiß ich ganz genau. Ich habe mich ja liegen gesehen.

"Ein äußerst interessanter Fall".

Damit meinen die mich. Es unterhalten sich viele Ärzte mit mir. Ob ich etwas dagegen hätte, wenn man die Gespräche aufzeichnet, hat man mich gefragt. Was soll ich schon dagegen haben. Kann ja doch nichts ändern. Ich bin denen schließlich ausgeliefert. Die müssen ja denken, ich begreife überhaupt nichts. Natürlich weiß ich, dass etwas nicht in Ordnung ist mit mir. Und dann habe ich ganz seltsame Träume. So komische Fragen stellen die alle. Und viele dieser Fragen kann ich sogar richtig beantworten. Und man wundert sich darüber.

Auch besuchen mich einige Leute. Die sehen mich so eigenartig an. Und ich soll den Mut nicht verlieren. Es wird bestimmt alles wieder gut.

Ich weiß nicht, was die von mir wollen. Ich kenne die doch gar nicht.

Nur schade, dass mich Gerda nicht besucht. Dabei habe ich ihr überhaupt nichts getan. Wir kennen uns schon viele Jahre. Und verheiratet sind wir auch schon lange Zeit. Nicht einmal die Kinder lassen sich blicken. Meine blöde Krankheit hat alles zerstört. Aber vielleicht besuchen sie mich nicht, weil ich ja tot bin. Die müssen doch mein Grab besuchen. Auf einem Friedhof. Igendwo. Natürlich, das ist der Grund für ihr Ausbleiben. Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin...

Am liebsten würde ich die Pillen gar nicht mehr schlucken. Mir ist jedes Mal so dumpf im Kopf danach. Und die Erinnerungen werden viel undeutlicher. Unklarer noch, als sie es ohnedies schon sind . Aber das geht wieder vorüber. Und als ich mich nach vielen Wochen wieder an mich und mein Leben fast ganz deutlich erinnere, wundert man sich noch mehr. Mir fällt auch wieder mein Name ein. Und mein Leben kommt immer klarer in mein Bewusstsein zurück. Ich kann mich sogar an Episoden aus meiner Kindheit erinnern. Wenn ich genau darüber nachdenke, so waren die Erinnerungen nicht wirklich entfallen. Nur vorübergehend etwas in den Hintergrund geraten. Das passiert doch jedem einmal. Die Ärzte werden langsam ziemlich nachdenklich. Und ratlos. Viel ratloser und nachdenklicher noch, als am Anfang. Das bekomme ich mit.

Ob ich mich an meinen Unfall erinnern könne, fragen die mich.

Was für ein Unfall denn? Ich hatte keinen Unfall, sondern ich war krank und bin vor gar nicht allzu langer Zeit gestorben. Vor einem Monat vielleicht. Ganz genau weiß ich das nicht. Und in dieser Klinik kam ich wieder zu mir. Nur, wie ich hierher geraten bin, das ist mir wirklich völlig unklar.

Und was soll der Gips an meinem rechten Bein?!

Wenn ich darüber nachdenke, so richtig nachdenke, kommt mir alles sehr unlogisch vor. Und es dämmert mir, dass es den Ärzten und dem sonstigen Pflegepersonal auch nicht recht geheuer erscheinen muss.

Ich bitte um Schreibutensilien. Ich schreibe alles auf. Das scheint mir wirklich zu helfen. Ich schreibe alles auf, was ich weiß und was mir so einfällt. Dabei verdränge ich meine missliche Lage.

Als eines Tages der Oberarzt kommt, sagt er mir, er möchte mir ein Foto zeigen. Ich soll mich bloß nicht aufregen, sonst müsse man mir wieder die Medikamente verabreichen. Und dann zeigt er mir ein Bild und fragt mich, ob ich die Personen auf Foto wohl kenne.

So eine Frage! Ich sehe keinen Grund zur Aufregung. Ich hatte zwar vorübergehend einige Gedächtnisprobleme, aber so schlimm, wie man hier tut, ist es wirklich nicht. Dass die Ärzte immer übertreiben müssen! Und ich fühle mich schon wesentlich besser.

Als ob ich nicht meine Frau erkennen würde! Und der Mann neben ihr, das bin doch ich!

Der Arzt sagt, ich solle doch in den Spiegel seh'n. Als ich dies mache, fällt mir auf, dass der Mann, der mich aus dem Spiegel anschaut, mit mir gar keine Ähnlichkeit hat. Das irritiert mich sehr; und ich bin überaus verunsichert. Aber der Mann auf dem Bild, das bin ich. Und aus dem Spiegel blickt mich ein fremdes Gesicht an. Das merke ich jetzt erst, nachdem ich das Foto sah. Seltsam, mir war das bisher nicht aufgefallen. Ob das etwa mit meiner Krankheit und meinem Tod zusammenhängt?

Ich grüble lange nach, komme aber zu keinem greifbaren Ergebnis. Alles ist und bleibt unlogisch. Auch die Ärzte können mir nicht helfen. Ob mich denn Gerda nicht doch einmal besuchen wolle, frage ich fast jeden Tag. Man schüttelt nur den Kopf.

Neulich zeigt mir der Professor ein anderes Bild. Darauf sind einige Leute auf einem Friedhof zu sehen. Auch Gerda ist dabei. Und einige andere Trauergäste kann ich sogar beim Namen nennen. Nicht alle , aber viele. Und die Kinder sind ebenfalls zu erkennen. Mich kann ich auf dem Bild nicht entdecken, denn es handelt sich ja um mein Begräbnis. Logisch, dass ich nicht zu sehen bin, ich liege ja im Sarg. Unter der Erde.

Aber wieso lebe ich dann hier in der Klinik? Ich werde immer verwirrter. Die Ärzte auch.

Der Professor sieht mich ungläubig an. Ihm fallen nicht einmal die klugen Worte ein, die eh kein normaler Mensch versteht. Nicht einmal irgendwelches lateinisches Zeug gibt der von sich.

Und an diesem Tag grübele ich bis in die späte Nacht hinein darüber nach, wie es denn möglich sein kann, dass ich einerseits tot bin und andererseits mich in einer psychiatrischen Klinik befinde. Am nächsten Morgen bitte ich um Ausgang. Ich will mein Grab besuchen. Mich soll ruhig ein Pfleger begleiten. Von mir aus auch zwei. Ich würde auch nicht versuchen auszureißen. Und meine Familie zu erschrecken, das liegt mir fern.

Es ist schon beunruhigend, vor seinem eigenen Grab zu stehen. Und ganz gesund war ich wohl auch noch nicht. Vielleicht war es auch viel zu für mich, denn als ich wieder zu mir kam, befand ich mich wieder in der Klinik. Alles aber war verändert. Und ich wusste im Moment nicht, wo ich mich befand. Dann aber erinnerte ich mich an einen Unfall vor Monaten, von dem ich mich bereits fast erholt hatte. Die Bergsteigerei ist nicht ganz ohne Risiko. Eine kleine Unvorsichtigkeit, und schon ist es passiert. Zehn Meter Fall und dann der Aufschlag. Aber ich muss noch Glück gehabt haben. Jedenfalls bin ich so gut wie gesund. Das rechte Bein wird wohl etwas steif bleiben. Mit der Kletterei ist es wahrscheinlich vorbei.

Aber ich bin froh, wieder ich selbst zu sein. Der Schock auf dem Friedhof hatte bestimmt etwas ausgelöst. Ich bin wieder ich. Das stimmt. Aber ich kann mich an ein anderes Leben erinnern, an ein Leben, das mir völlig fremd sein müsste. Das ist schon verwirrend. Aber ich lerne, damit umzugehen. Doch passiert es mir immer wieder, dass ich mitunter einiges durcheinander bringe. Aber ich kann leben damit. Und meine Familie auch.

Doch einen kleinen Tick leiste ich mir. Einmal jede Woche besuche ich das Grab eines fremden Mannes auf dem Friedhof. Und dieser Mann bin ich. Zumindest ein Teil von mir. Langsam verblassen viele "Erinnerungen", aber nicht alle. Ein Rest wird immer bei mir bleiben. Und im Traum erlebe ich Dinge, die ich jetzt ganz anders bewerten kann. Und wenn ich zu diesem Grab gehe, achte ich darauf, dass ich allein bin. Der Familie, der anderen Familie, möchte ich nicht begegnen.

Ich habe nie versucht, mit der fremden Familie in Kontakt zu treten. Ich weiß allerdings nicht, wie ich reagieren würde, liefe mir Gerda über den Weg. Es wäre mir bestimmt nicht gleichgültig. Der Andere ist zwar nicht mehr ständig präsent, aber auch nicht gänzlich verschwunden.

Dann bat ich den Professor um eine Auskunft. Nach einigem Zögern gab er sie mir auch. Zwar kennt man den Zeitpunkt meines Unfalls nicht auf die Minute genau; aber zu welcher Uhrzeit der Andere verstarb, das jedenfalls hatte man herausgefunden. Bei aller Unsicherheit gibt es ein merkwürdiges Zusammentreffen beider Ereignisse.

Immer, wenn ich das Grab des Fremden besuche, kommen mir seltsame Gedanken. Und ich frage mich: Ist der dort, der unter der Erde, denn wirklich tot? Sicher allerdings, so völlig sicher, bin ich mir nicht. Und ich weiß auch nicht, wie die Ärzte das alles bewerten. Mit der wissenschaftlichen Erklärung meines "Falles" haben die etliche Probleme. Ich indes versuche herauszufinden, wer ich eigentlich bin. Vor meinen Unfall hatte ich solche Anwandlungen nicht. Jetzt sehe ich auch den Tod mit ganz anderen Augen. Und wenn ich meine eigenen Niederschriften lese, so wird mir ganz seltsam zumute.

Und die Angst aber, die unbestimmte Angst vor dem Tod jedoch bleibt. Bis dahin ist noch reichlich Zeit. Das jedenfalls hoffe ich.

Das hofft ja jeder.

rose Offline

Mitglied


Beiträge: 563

27.09.2014 16:13
#2 RE: Am Grab antworten

Die Angst vor dem Tod oder die angst vor dem Siechtum



wer bin ich?

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